Mittwoch, 15. Juli 2026, 19 Uhr

Dr. Andreas Becker

Leiter des Universitätsarchivs Regensburg

 

Buchvorstellung: „Obermoschel während der französischen Revolution“.

„Während dem wir französisch waren, hat man gute Geschäfte machen können“


Erstveröffentlichung: 2024 zur 675-Jahrfeier von Obermoschel

Pfalzpreis für pfälzische Geschichte und Volkskunde 2025

 

Herzogssaal beim Stadtmuseum

Zweibrücken, Herzogstr. 9-11

Foto: Bucheinband, Quelle: Verlag Schnell + Steiner

Obermoschel während der französischen Revolution

Die Kleinststadt Obermoschel war bis zum Untergang des Herzogtums
im Zeitalter der Französischen Revolution aufgrund seines Bergbaus ein
bedeutender Wirtschaftsstandort von Pfalz-Zweibrücken.

Der Ausgangspunkt der Forschungsarbeit von Andreas Becker war das persönliche Interesse an den Lebensumständen eines Vorfahren. Peter Homburger war um 1800 der lutherische Pfarrer von Obermoschel und heiratete in eine dort ansässige Familie ein. In der Familie erzählte man sich, dass er bei der Jagd auf den Schinderhannes geholfen habe. Dieses Narrativ machte den jungen Andreas Becker neugierig. Über die Familienerzählung kam er zur Geschichtswissenschaft und nach zwei Jahrzehnten intensiver Forschung zu einem vom Bezirksverband Pfalz mit dem Pfalzpreis für Geschichte und Volkskunde 2025 ausgezeichneten Buch, das er 2024 zum 675‑jährigen Jubiläum der kleinsten Stadt der Pfalz vorgelegt hatte.

 

Im Fokus der Mikrostudie eines Ortes stehen die Jahre zwischen 1770 und 1815, eine Phase tiefgreifender Umbrüche vom Ancien Régime hin zu den Anfängen des bürgerlichen Zeitalters. Methodisch orientiert sich die Untersuchung an Ansätzen der modernen Sozialgeschichte. Sie versucht, langfristige Strukturen und Alltagswelten sichtbar zu machen.

Auf Basis einer breiten archivalischen Überlieferung wird am Beispiel von Obermoschel nachvollzogen, wie sich das Leben in einer kleinen Stadt angesichts der Umbrüche durch die Französische Revolution veränderte. 

Wie reagierten namentlich bekannte Obermoscheler auf die Herausforderungen dieser Zeit? Exemplarisch werden etwa der Konflikt zwischen Amtmann und Stadtrat zwischen 1774 und 1801 als Ausdruck lokaler Herrschaftspraxis sowie der Überfall des Schinderhannes im Jahr 1801 als Spiegel gesellschaftlicher Unsicherheit beleuchtet. Der Vortrag verbindet somit Genese, Methodik und ausgewählte Fallstudien zu einem lebendigen Bild städtischer Transformation.

Die Studie basiert auf einer umfassenden Quellenrecherche, die sich auf Literatur und vor allem Archivalien aus Beständen in den Archiven zwischen Paris, Berlin und Wien stützt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Dokumenten aus dem Landesarchiv Speyer und dem Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz. Die breite Quellenverteilung zeigt die Einbettung Obermoschels wie der Pfalz in die europäische Geschichte. Viele dieser Quellen, darunter Bürger- und Steuerlisten, Testamente, militärische Stammrollen sowie Rechnungen der Bergwerke und des Hospitals, wurden erstmals systematisch und mit verschiedenen methodischen Ansätzen ausgewertet. Besonders aufschlussreich sind die Protokolle der Zeugenvernehmungen nach dem Überfall des Schinderhannes auf die Stadt im November 1801. Diese Dokumente zeigen eindrucksvoll, wie sich die Obermoscheler Bürgerschaft als einzige Gemeinde geschlossen für ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger einsetzte. Die darin enthaltenen Selbstzeugnisse von Frauen und jüdischen Einwohnern gewähren faszinierende Einblicke in den Alltag um 1800. 

Autor und Referent: Herr Dr. Andreas Becker

Der Weg zum Veranstaltungsort: