Mittwoch, 13.05.2026, 19.00 Uhr

Herr Florian Dell

Historiker,

bis 2022 freiberuflicher Dozent an der Universität des Saarlandes

 

Aus den Tiefen der Bibliotheca Bipontina

Das Zeugmeisterbuch von Franz Helm

 

Herzogssaal beim Stadtmuseum

Zweibrücken, Herzogstr. 9-11

Quelle: https://doi.org/10.11588/diglit.54#0113

Digitalisierte Online-Kopie des Manuskripts „Buch von den probierten Künsten“ aus dem Jahr 1535 (Universität Heidelberg):

Handschrift Cod. Pal. germ. 128

 

Mit einem Klick auf die nebenstehende Titelseite der Handschrift gelangen Sie zum digitalisierten Buch.

 

Das Werk ist nicht nur in einer einzigen Originalhandschrift überliefert, sondern in mehreren bedeutenden Handschriften, darunter der o.g. Heidelberger, der Weimarer  (Weimar Fol 330) und auch der in der Bibliotheca Bipontina (Hs 18 A).

 

Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

(Quelle: Wikipedia)

Franz Helm (ca.  1500–1567) war ein Artilleriemeister, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im heutigen Deutschland lebte und wirkte. Seinen eigenen Angaben zufolge wurde er um 1500 in Köln geboren. Helm, der als „Schütze, Kanonier und Feuerwerker“ beschrieben wird, kämpfte in den Armeen des Heiligen Römischen Kaisers Karl V. gegen das Osmanische Reich. Anschließend zog er nach Landshut im damaligen Herzogtum Bayern, wo er den Herzögen Wilhelm IV., Ludwig X. und Albrecht V. diente. Später stand er in den Diensten Johanns II., Pfalzgraf von Simmern.

Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg
Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg

Zwei Werke Helms sind bis heute erhalten geblieben. 

In den 1520er Jahren verfasste er eine umfassende Beschreibung einer „idealen“ Rüstkammer. Obwohl diese nicht als eigenständiges Werk überliefert ist, findet sie sich in einigen Texten seines späteren, erhaltenen Werkes, dem „Buch von den probierten Künsten “

Dieses Manuskript übergab er einige Jahre vor Helms Tod seinem Gönner, Herzog Albrecht V. Ob es praktischen Einfluss auf das Heer des Herzogs hatte, ist unklar, doch ist es möglich, dass der spätere Bau der königlichen Rüstkammer am Münchner Marstallplatz Helms Empfehlungen folgte. Das Buch folgt einem damals bereits gängigen Format, angereichert mit modernen Elementen. Es ist nach dem einflussreichen „Feuerwerkbuch“ von 1420 aufgebaut und gibt viele Anweisungen des Vorgängerwerks wörtlich wieder. Helm schreibt an mehreren Stellen, dass er sich bei der Zusammenstellung seines Buches auf alte „Kunstbücher“ gestützt habe. Obwohl er das ältere Material respektvoll behandelt, scheut er sich nicht, überholte Methoden zu kritisieren – so bezeichnet er beispielsweise einige Artilleriegeschütze alter Bauart als Kuriositäten und eine im Feuerwerkbuch beschriebene Schießmethode als „seltsam“ – und liefert aktualisierte Informationen zu modernen Methoden und Ausrüstungen. An verschiedenen Stellen nennt er neue Artilleriemethoden ausdrücklich „neuartig“ und „überlegen“. Obwohl sein Buch als Manuskript weit verbreitet war, erschien es erst 1625 unter dem Titel „Armamentarium principale oder Kriegsmunition und Artillerie-Buch“ (Grundsätze der Bewaffnung oder Buch der Kriegsmunition und Artillerie).

Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

Eine von Helm beschriebene Methode erregte Aufsehen durch die Abbildung einer sogenannten „Raketenkatze“ – einer Katze mit einer Art Rakete auf dem Rücken, die sie auf eine Burg oder befestigte Stadt zutreibt. Dieselbe Abbildung zeigt auch eine Taube, die ebenfalls von einer Rakete angetrieben zu sein scheint. Die Illustration findet sich in verschiedenen Versionen in unterschiedlichen Manuskriptfassungen von Helms Buch sowie in der gedruckten Ausgabe von 1625. Die Bilder erscheinen in einem Abschnitt mit dem Titel „Eine Burg oder Stadt in Brand setzen, die man sonst nicht erreichen kann“, in dem Helm beschreibt, wie man mit an Tieren befestigten Brandvorrichtungen befestigte Orte in Brand setzen kann.

Eine Handschrift mit explosivem Inhalt.

Kriegführung im 16. Jahrhundert war eine hohe Kunst – geprägt von technischer Raffinesse, taktischem Geschick und dem Wissen erfahrener Veteranen. Wer nicht auf eigene Kampferfahrung zurückgreifen konnte, war auf seltene Lehrwerke angewiesen. Eines davon verbirgt sich hinter der Signatur Hs 18 B in der Bibliotheca Bipontina: eine Ausgabe des reich bebilderten „Buch von den probierten Künsten“ des Geschützmeisters Franz Helm.

Wie kaum ein anderes Werk zuvor vereinte es theoretische und praktische Anleitungen zum Artilleriewesen, dem Einsatz von Brechwerkzeugen, der Nutzung von „Rauch und Stank“, Einrichtung und Betrieb eines Zeughauses und der Nutzung von Wagenburgen. Immer wieder dazwischen: Kuriositäten, wie die legendäre „Raketenkatze“ und Feuerwerkerei, die das todbringende Pulver auch im höfischen Umfeld zum Einsatz bringen lässt.

Das Zweibrücker Exemplar, entstanden im Jahr des Schmalkaldischen Kriegs 1546, hebt sich durch Besonderheiten in Gestaltung, Schrift und Bildsprache von anderen Abschriften dieses Werkes ab und wirft dadurch Fragen zu Herkunft, Widmung und Verwendungszweck auf. Diese Besonderheiten zu zeigen und dabei allgemein in den Inhalt und Kontext von HS 18 B einzuführen, soll das Ziel dieses Vortrags sein.

Der gebürtige Zweibrücker Florian Deller studiert Geschichte an der Universität des Saarlandes. Frau Dr. Hubert-Reichling, damals Standortleiterin des LBZ/Bibliotheca Bipontina, wies ihn zu Beginn seines Studiums auf eine wertvolle, „noch völlig unerforschte“ Handschrift im Bestand der BB hin: ein Zeugmeisterbuch aus dem 16. Jahrhundert. Das faszinierende Buch ließ ihn nie mehr los. In seinem Masterstudium beschäftigte er sich intensiv mit ihr. Wie er nun feststellte, war es keineswegs gänzlich unbekannt:

Bereits 2001 hatte der Historiker Rainer Leng das dem Zweibrücker Manuskript zugrunde liegende Werk, das „Buch von den probierten Künsten“ des Geschütz- und Zeugmeisters Franz Helm, umfangreich analysiert und historisch eingeordnet. Die konkrete Zweibrücker Abschrift war jedoch bislang weitgehend unbeachtet geblieben. Erst 2002, ein Jahr nach Lengs Publikation, wurde HS 18 B durch Lars G. Svensson für dessen Aufarbeitung der Altbestände der Bipontina erstmals identifiziert, Titel und Autor zugeordnet und das Entstehungsjahr ermittelt.

Nicht auf alle Fragen konnten bisher Antworten gefunden werden – umso wichtiger scheint es, Hs 18 B ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Denn vielleicht führt genau dieses Interesse zu neuen Impulsen für die Erforschung eines Werks, das eindrucksvoll zeigt, welche Vielfalt historischer Schätze die Altbestände der Bibliotheca Bipontina bereithalten.

Quelle: Xing.com

Unser Referent: Florian Deller:


Master of Arts,

Geschichte in europäischer Perspektive

Universität des Saarlandes (2022)

2022: Wissenschaftlicher Mitarbeiter,

Stadtmuseum Zweibrücken,

Ausstellung „Dazwischen – 300 Jahre Herzog Christian IV.“

Weg zum Veranstaltungsort: